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Dienstag, 16. Oktober 2012

Über die Angst vor Gruppen

Dieser Titel klingt zunächst nach einem Fallbeispiel für Psychologen: Angst vor Menschenansammlungen. Ist doch nicht so schlimm, schau mal, wir gehen jetzt gemeinsam in eine Gruppe und dann... geht die Behandlung am Problem vorbei. Ich möchte hier nicht über „Angst vor Menschen“ schreiben, sondern über das unangenehme Gefühl diffuser Angst beim Anblick stark uniformer Menschengruppen.

Damit meine ich zunächst jede Art von Gruppierung, die ihr Gemeinschaftsgefühl durch Uniformität auslebt – äußerlich sichtbar an Uniformen, Sprechchören, Prozessionen.

Dieser Text hat als Aufhänger die Universität. Eine Universität von heute, modern, in einer europäischen Hauptstadt, in Lissabon. Eine Universität, in der es keine Pflichtuniformen gibt – und in der dennoch ein großer Teil der Studierenden im Einheitsdress erscheint:

Schwarze Schuhe, schwarze Anzughose, schwarze Weste, weißes Hemd, schwarze Krawatte, schwarzes Jackett, schwarzer Umhang (Männer) bzw. schwarze Schuhe, schwarze Strümpfe, schwarzer langer Rock, weiße Bluse, schwarzes Jackett, schwarzer Umhang (Frauen). Businessanzug mit Harry-Potter-Touch, ohne Tarnfleckenhosen oder Schmiss im Gesicht.

Vorab: Es handelt sich nicht um deutsche Burschenschaften. Es geht (meines Wissens nach) nicht um in Hinterzimmern gepflegte Rassismen und Betrauern der Kaiser-, Nazi- oder Salazarzeit. Es handelt sich bei den Meisten, soweit sich dies von außen beurteilen lässt, um „ganz normale Student*innen“ - inklusive Menschen jeder Hautfarbe, jeder Haarfarbe (von blond bis schwarz bis „punk“-rot), jeder musikalischen Vorliebe (u.a. auch Rage against the Machine, The Ramones, …), jeder Frisur (geschlechtsunabhängig kurz oder lang, mit Rastas oder ohne, ...) etc.

Kurzum: Es geht nicht gegen „die Anderen“, sondern gegen das eigene Spiegelbild. Meine Frage lautet: Was bringt mein Spiegelbild dazu, freiwillig Uniformen zu tragen? Und was habe ich dagegen?

Ich habe keine intensive Studie durchgeführt, in der ich all diese Menschen befragt habe. Aber ich habe mit Menschen gesprochen, die auch in ihrer aktiven Studienzeit Uniformen getragen haben – und vor allem den sozialen Aspekt betonen: Man sähe die sozialen Unterschiede nicht, man wäre in einer Gemeinschaft geborgen, die einen zu Beginn der Universitätszeit aufnimmt und verhindert, alleine in einer fremden Stadt zu stranden. Die Gruppe stellt einem Mentoren, also Uniformierte der früheren Jahrgänge, zur Seite. Es werden Verbindungen zu anderen Mitstudent*innen aufgebaut, die über die aktive Studienzeit hinaus halten. Man zeigt, dass man stolz auf seine Universität ist. Die Uniformen sind schick.

Über Letzteres ließe sich streiten, aber ablesen lässt sich daraus vor allem eines: Es ist die Suche nach Zusammenhang und Gemeinschaft, die Menschen dazu bringt. Offensichtliche Privilegien scheinen sie keine zu besitzen, besondere Kontakte werden wohl auch nicht gepflegt; es ist keine Elite der Gesellschaft.

Zudem wird die Uniformität in Teilen auch direkt gebrochen: Durch möglichst vielfältige Aufnäher und Anstecker an den Uniformen. Darunter mögen traditionelle Symboliken versteckt sein, doch ich erkenne (mangels weiterer Kenntnisse) meistens nur die besagten „Rage against the Machine“- und „Legalize it“-Aufkleber.

Warum also habe ich etwas dagegen, wenn soziale oder weltanschauliche Gründe wegfallen?

Meine Antwort ist: Es liegt an der Gruppe an sich. Auch an der Manifestation des Geeint-seins, des Block-Charakters, der geschlossenen Sphäre. An den den in bester Gruppendynamik ausgeführten Initiationsriten, an gemeinsamen Liegestützen im Ausgehviertel, den Vorsänger*innen nachgebrüllten Lobeshymnen auf die Universität, an gleicher bunter Farbe im Gesicht der Frischlinge, an Eiern in Haaren für die eine und Asterixkostümen für die andere Gruppe. An der beängstigenden Demonstration von Schweigsamkeit, Demut und Schlangestehen vor der feierlichen Übergabe der Uniformen.

Es hat lange gedauert, um das Unbehagen bei ihrem Anblick genauer zu fassen. Es ist mir egal, wie cool sie sind und wie ähnlich meiner Sicht auf die Welt. Sie taugen nicht als Feindbild. Aber in einem Punkt scheine ich etwas anders zu sehen: In der Ablehnung des Kollektivs – sei es nun die rechte Burschenschaft, der Fußballfan, der Bankngestellte, der schwarze Block, die Einheitskommune oder eben die Uni-Uniform.

Ich kann den Vorteilen der Gemeinschaft nur Zweifel entgegenhalten und das Beharren auf Individualismus. Dieser ist aktuell ja dank seiner Verknüpfung mit kapitalistischen Wirtschaftsformen ein wenig in Verruf geraten; der Ruf nach mehr Gemeinschaft wird lauter.

Aber kann wirklich eine wünschenswerte Gemeinschaft der Gleichen geben? Ich bezweifle das. Ich halte es mehr mit der Gesellschaft der Individuen, in der es Einzelmeinungen und Einzelpersonen gibt.

Dennoch kann ich wiederum meiner Referenzgruppe weder totalitäre Tendenzen noch Ausschluss von Individualitätsbekundungen vorwerfen – die besagten Sticker, Haarfarben etc. zeigen es ganz deutlich. Es sind - natürlich - die innerhalb der Grenzen erlaubten Bekundungen, worin sie sich aber auch wiederum nicht so sehr von der Gesellschaft im Ganzen unterscheiden.

Dies ist nämlich mein vielleicht größter Schwachpunkt: Alle aufgezählten Eigenheiten lassen sich in abgeschwächter Form überall feststellen. Uniforme Kleidung? Bitte, schaut auf H&M! Schaut auf alle Anzugträger! Schaut auch auf alle Dreadlocks! Aber bitte innerhalb der Grenzen der jeweiligen Gruppe: Im Anzug sind rote Socken „erlaubt“, Hawaiihemden eher nicht. Zu Dreadlocks sind Hemden noch „erlaubt“, ganze Anzüge mit Krawatte eher nicht.

Kurzum: An diesem dargestellten Beispiel zeigt sich die Uniformität der Gesellschaft bzw. einzelner Gruppen in ihr lediglich im Brennglas. Es ist diese Uniformität, aus der es auch durch Flucht in widerspenstig-uniforme Gruppen kein Entkommen gibt – auch dort werden sich gleiche Meinungen & gleiche Kleidung treffen. Es ist diese Uniformität, die ich per se für fragwürdig halte und die mir den Schauder durch die Haare fahren lässt, wenn ich junge Menschen beim Marschieren beobachte.

Es geht hier nicht um die Frage nach dem Ausbruch aus diesen Mechanismen, sondern um den Blickwinkel darauf. Nicht um Parteipolitik, sondern um die viel grundsätzlichere Frage: Ist der Mensch als Individuum oder als Typ einer Reihe zu verstehen?

Meine Meinung dürfte klar sein.
Als Gegenbeispiel tauge ich nicht.
Eine Lösung habe ich auch nicht.  

Aber eine Ahnung davon ist auch überall dort zu sehen, wo Menschen die Uniformen mit Stickern versehen. Oder sich ärgern, wenn sie andere Menschen im selben H&M-Pullover sehen.

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