Dieser Titel klingt zunächst nach
einem Fallbeispiel für Psychologen: Angst vor Menschenansammlungen.
Ist doch nicht so schlimm, schau mal, wir gehen jetzt gemeinsam in
eine Gruppe und dann... geht die Behandlung am Problem vorbei. Ich
möchte hier nicht über „Angst vor Menschen“ schreiben, sondern
über das unangenehme Gefühl diffuser Angst beim Anblick stark
uniformer Menschengruppen.
Damit meine ich zunächst jede Art von
Gruppierung, die ihr Gemeinschaftsgefühl durch Uniformität auslebt
– äußerlich sichtbar an Uniformen, Sprechchören, Prozessionen.
Dieser Text hat als Aufhänger die
Universität. Eine Universität von heute, modern, in einer
europäischen Hauptstadt, in Lissabon. Eine Universität, in der es
keine Pflichtuniformen gibt – und in der dennoch ein großer Teil
der Studierenden im Einheitsdress erscheint:
Schwarze Schuhe, schwarze Anzughose,
schwarze Weste, weißes Hemd, schwarze Krawatte, schwarzes Jackett,
schwarzer Umhang (Männer) bzw. schwarze Schuhe, schwarze Strümpfe,
schwarzer langer Rock, weiße Bluse, schwarzes Jackett, schwarzer
Umhang (Frauen). Businessanzug mit Harry-Potter-Touch, ohne
Tarnfleckenhosen oder Schmiss im Gesicht.
Vorab: Es handelt sich nicht um
deutsche Burschenschaften. Es geht (meines Wissens nach) nicht um in
Hinterzimmern gepflegte Rassismen und Betrauern der Kaiser-, Nazi-
oder Salazarzeit. Es handelt sich bei den Meisten, soweit sich dies
von außen beurteilen lässt, um „ganz normale Student*innen“ -
inklusive Menschen jeder Hautfarbe, jeder Haarfarbe (von blond bis
schwarz bis „punk“-rot), jeder musikalischen Vorliebe (u.a. auch
Rage against the Machine, The Ramones, …), jeder Frisur
(geschlechtsunabhängig kurz oder lang, mit Rastas oder ohne, ...)
etc.
Kurzum: Es geht nicht gegen „die
Anderen“, sondern gegen das eigene Spiegelbild. Meine Frage lautet:
Was bringt mein Spiegelbild dazu, freiwillig Uniformen zu tragen? Und
was habe ich dagegen?
Ich habe keine intensive Studie
durchgeführt, in der ich all diese Menschen befragt habe. Aber ich
habe mit Menschen gesprochen, die auch in ihrer aktiven Studienzeit
Uniformen getragen haben – und vor allem den sozialen Aspekt
betonen: Man sähe die sozialen Unterschiede nicht, man wäre in
einer Gemeinschaft geborgen, die einen zu Beginn der Universitätszeit
aufnimmt und verhindert, alleine in einer fremden Stadt zu stranden.
Die Gruppe stellt einem Mentoren, also Uniformierte der früheren
Jahrgänge, zur Seite. Es werden Verbindungen zu anderen
Mitstudent*innen aufgebaut, die über die aktive Studienzeit hinaus
halten. Man zeigt, dass man stolz auf seine Universität ist. Die
Uniformen sind schick.
Über Letzteres ließe sich streiten,
aber ablesen lässt sich daraus vor allem eines: Es ist die Suche
nach Zusammenhang und Gemeinschaft, die Menschen dazu bringt.
Offensichtliche Privilegien scheinen sie keine zu besitzen, besondere
Kontakte werden wohl auch nicht gepflegt; es ist keine Elite der
Gesellschaft.
Zudem wird die Uniformität in Teilen
auch direkt gebrochen: Durch möglichst vielfältige Aufnäher und
Anstecker an den Uniformen. Darunter mögen traditionelle Symboliken
versteckt sein, doch ich erkenne (mangels weiterer Kenntnisse)
meistens nur die besagten „Rage against the Machine“- und
„Legalize it“-Aufkleber.
Warum also habe ich etwas dagegen, wenn
soziale oder weltanschauliche Gründe wegfallen?
Meine Antwort ist: Es liegt an der
Gruppe an sich. Auch an der Manifestation des Geeint-seins, des
Block-Charakters, der geschlossenen Sphäre. An den den in bester
Gruppendynamik ausgeführten Initiationsriten, an gemeinsamen
Liegestützen im Ausgehviertel, den Vorsänger*innen nachgebrüllten
Lobeshymnen auf die Universität, an gleicher bunter Farbe im Gesicht
der Frischlinge, an Eiern in Haaren für die eine und Asterixkostümen
für die andere Gruppe. An der beängstigenden Demonstration von
Schweigsamkeit, Demut und Schlangestehen vor der feierlichen
Übergabe der Uniformen.
Es hat lange gedauert, um das Unbehagen
bei ihrem Anblick genauer zu fassen. Es ist mir egal, wie cool sie
sind und wie ähnlich meiner Sicht auf die Welt. Sie taugen nicht als
Feindbild. Aber in einem Punkt scheine ich etwas anders zu sehen: In
der Ablehnung des Kollektivs – sei es nun die rechte
Burschenschaft, der Fußballfan, der Bankngestellte, der schwarze
Block, die Einheitskommune oder eben die Uni-Uniform.
Ich kann den Vorteilen der Gemeinschaft
nur Zweifel entgegenhalten und das Beharren auf Individualismus.
Dieser ist aktuell ja dank seiner Verknüpfung mit kapitalistischen
Wirtschaftsformen ein wenig in Verruf geraten; der Ruf nach mehr
Gemeinschaft wird lauter.
Aber kann wirklich eine wünschenswerte
Gemeinschaft der Gleichen geben? Ich bezweifle das. Ich halte es mehr
mit der Gesellschaft der Individuen, in der es Einzelmeinungen und
Einzelpersonen gibt.
Dennoch kann ich wiederum meiner
Referenzgruppe weder totalitäre Tendenzen noch Ausschluss von
Individualitätsbekundungen vorwerfen – die besagten Sticker,
Haarfarben etc. zeigen es ganz deutlich. Es sind - natürlich - die
innerhalb der Grenzen erlaubten Bekundungen, worin sie sich aber auch
wiederum nicht so sehr von der Gesellschaft im Ganzen unterscheiden.
Dies ist nämlich mein vielleicht
größter Schwachpunkt: Alle aufgezählten Eigenheiten lassen sich in
abgeschwächter Form überall feststellen. Uniforme Kleidung? Bitte,
schaut auf H&M! Schaut auf alle Anzugträger! Schaut auch auf
alle Dreadlocks! Aber bitte innerhalb der Grenzen der jeweiligen
Gruppe: Im Anzug sind rote Socken „erlaubt“, Hawaiihemden eher
nicht. Zu Dreadlocks sind Hemden noch „erlaubt“, ganze Anzüge
mit Krawatte eher nicht.
Kurzum: An diesem dargestellten
Beispiel zeigt sich die Uniformität der Gesellschaft bzw. einzelner
Gruppen in ihr lediglich im Brennglas. Es ist diese Uniformität, aus
der es auch durch Flucht in widerspenstig-uniforme Gruppen kein
Entkommen gibt – auch dort werden sich gleiche Meinungen &
gleiche Kleidung treffen. Es ist diese Uniformität, die ich per se
für fragwürdig halte und die mir den Schauder durch die Haare
fahren lässt, wenn ich junge Menschen beim Marschieren beobachte.
Es geht hier nicht um die Frage nach
dem Ausbruch aus diesen Mechanismen, sondern um den Blickwinkel
darauf. Nicht um Parteipolitik, sondern um die viel grundsätzlichere
Frage: Ist der Mensch als Individuum oder als Typ einer Reihe zu
verstehen?
Meine Meinung dürfte klar sein.
Als Gegenbeispiel tauge ich nicht.
Eine Lösung habe ich auch nicht.
Aber eine Ahnung davon ist auch überall
dort zu sehen, wo Menschen die Uniformen mit Stickern versehen. Oder
sich ärgern, wenn sie andere Menschen im selben H&M-Pullover
sehen.