In diesem Semester belege ich einen Kurs mit dem schönen Namen "Migracoes Internationais e Integracao na Europa", also "Internationale Migration und Integration in Europa".
Die grundsätzliche Ausrichtung dürfte klar sein, hat sich jedoch mit dem Wechsel der Dozentin ein wenig in Richtung eines kulturalistischen Rahmens entwickelt ("wir Westler" und "die anderen, insbesondere Muslime"). Aber darüber will ich hier nicht klagen. Wirklich interessant war die letzte Unterrichtsstunde:
Nach den üblichen Eingangsfloskeln und einigen Versuchen der Dozentin, halbwegs am Thema zu bleiben, schweifte die Stunde immer mehr in eine Diskussion über die aktuelle Lage Portugals ab. Und was liegt näher bei einem offiziellen Thema der portugiesischen Emigration, als über aktuelle Emigration zu sprechen?
So wurde also der Rest der Stunde in immer konkreterer Form besprochen, warum und wie man als aktuelle*r Studierender denn das sinkende Schiff verlassen kann. Die Dozentin rechnet einem vor, dass Professor*innen in Frankreich nur 6 Stunden Unterricht/Woche für 3000 Euro geben müssen, während sie in Portugal für 12 Stunden gerade einmal 1600 Euro erhalten. Ähnliches bei Ärzten, Bauarbeitern, wo auch immer. Auf die Frage, warum sie denn dann noch hier sei, lächelt sie gequält und murmelt es weg. Es folgen Tipps zur konkreten Arbeitsplatzsuche im Ausland ("Geht auf die Seiten der Botschaften. Googelt die nationalen Arbeitsämter"), sinnvolleren Studiengängen ("Gesucht werden, gerade in Nordeuropa, medizinische Berufe, Kindergärtnerinnen und Ingenieure. Wenn ihr also nochmal wechseln wollt...") oder ganz anderen Alternativen: "Brasilien ist groß im Kommen. Es ist schwer, das Arbeitsvisum zu erhalten; aber hat man es erstmal, stehen einem quasi unbegrenzte Möglichkeiten offen. Alleine der Großraum Sao Paulo hat dreimal so viele Einwohner wie Portugal: Ein dreimal so großer Arbeitsmarkt in einer Stadt!").
Zwischendurch Politikerbashing: "Portugal war immer ein neoliberales Land, egal ob mit linker oder rechter Regierung. Immer weniger Auflagen, mehr Flexibilität, weniger Arbeitnehmerschutz. Kein Wunder, dass alle in die besseren Sozialsysteme abwandern..."
Dann wieder fatalistische Aussagen: "Von euch hier werden garantiert viele migrieren, auch wenn ihr es jetzt noch nicht wisst".
Als außenstehender Zuhörer ist diese geballte Ladung an Fatalismus beeindruckend gewesen. Willkommen an der schönen neuen portugiesischen Hochschulwelt - jetzt neu mit Ausreisetipps und tollem Abschlusszeugnis fürs Ausland!